Pflegerische Illusionen und Realitäten
23. November 2011 | Von ElStephe | Kategorie: Lead Article, Random and PersonalIch denke dass dieses Blog von mir bei eventuell vorhandenen Lesern meiner Berufsgruppe zu Kontroversen, Unverständnis aber auch Zustimmung und Applaus führen kann. Universitäre Pflegewissenschaftler, Pflegepädagogen und Pflegemanager fühlen sich vielleicht sogar angegriffen und die Emanzipation der Krankenpflege in der Zukunft gefährdet sehen, aber ich denke dass die Leute an der Pflegebasis, zu denen ich nach wie vor gehöre sich insgesamt ein bißchen gespiegelt fühlen.
Keinesfalls möchte ich Berufsanfängern und Berufseinsteigern und aktuell Berufstätigen den Spaß und die Freude an dem Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege nehmen. Meine Perspektive beschränkt und berücksichtigt nicht unbedingt die Ausnahmen im Beruf. Zu den Ausnahmen gehören die, die dem alltäglichen Stereotyp der Pflege widersprechen und jeden Tag qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Hier erfasse ich nur das Gro der Pflege, unabhängig von der Berufsbezeichnung.
1. Krankenpflege ist emanzipiert
Emanzipation bedeutet wörtlich “Sklaven in die Eigenständigkeit entlassen”. Mittlerweile spricht man im punkto Emanzipation von Erkämpfen eines eigenen Tätigkeitsfeldes, Herausstellung unseres Arbeitsfeldes und Priorisierung der alltäglichen Arbeit nach unseren Kriterien. Das klingt alles sehr schön, das klingt nach einem guten Plan. Die Praxis sieht hier wiederum anders aus. Durch die Einführung eines Pleitegeier G- DRG – Abrechnungssystem hat unsere Bundesregierung einen weiteren Kopfschuss in punkto unserer beruflichen Emanzipation gesetzt. Wenn man sich die Abrechnungen der stationären Fälle mal ansieht, so findet sich in Punkto Pflege meist wenig bis gar nichts. Es geht um Prozeduren, es geht um Verweiltage, es geht um Nebendiagnosen und es geht um durchgeführte Körperpflegen. Vor ca. 3 Monaten haben ich im Nachtdienst mit einen Patienten, der im Sterben lag ein Gespräch von ca. 1 Stunde Dauer geführt. Ich konnte diese “Pflegeleistung” nirgendwo abhaken, abrechnen oder verschlüsseln. Die einzige Möglichkeit die Bestand, war im Feld “zusätzliche Pflegeleistungen” per Hand etwas hinzuzukritzeln, was wahrscheinlich keinerlei Relevanz haben würde. Auf der anderen Seite begleiten wir sinnfreie, stundenlange Visiten bei denen nicht wirklich etwas relevantes besprochen wird, nur weil die teilweise stinkfaulen und mit alltäglichen organisatorischen Belangen überforderten Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes (und ich sage hier nicht bewußt Ärzte) zu fein sind, ihre Anordnungen selbst zu schreiben oder überhaupt einen Überblick über die Patienten zu haben, oder gar nicht an einer Form von therapeutischer Zusammenarbeit interessiert sind sondern einfach nur diktieren.
Die emanzipierten Pflegenden werden sagen, bei der Visite hast du der Anwalt des Patienten zu sein, dem Arzt ein pflegerisches Feedback in punkto Realitätsbezug zu Geben und Unklarheiten zu Beseitigen. Manchmal klappt das auch, meistens nicht. Bei den meisten Abteilungen in denen ich gearbeitet habe, wurden meine Widersprüche zwar gehört, jedoch gekonnt ignoriert.Es war unbequem mir zuzuhören und von vielen Mitarbeitern des ärztlichen Dienstes wird das Personal der Krankenpflege kalkuliert und gekonnt durch einen angeblichen Wissensvorteil ausgespielt. Wenn man mal den Mund aufmacht, wird man von pflegerischen Leitungspersonal nicht gestärkt sondern sogar noch gerügt, weil man nicht im Team arbeitet und andauernd dagegen stänkern würde (O-Ton: Schlechte Stimmung verbreiten, aus den Mündern der Pflegedienstleitungen: Eine unkooperative und auf Konflikt ausgelegte Arbeitsumgebung fördern) . Wenn ich Nachfrage, warum Patient xy seit 3 Wochen ohne wirkliche Therapie mit sich nicht bessernden Beschwerden auf Station liegt, werde ich von unverschämten und inkompetenten Mitarbeitern des ärztlichen Dienstes schnell in meine angeblichen (!) Kompetenzschranken verwiesen.
Ich bin in punkto der Zusammenarbeit Arzt-Pflege kein Arsch, im Gegenteil ich übernehme sogar viele Sachen die eigentlich in den ärztlichen Tätigkeitsbereich fallen und bin äußerst kooperativ. Vorraussetzung dafür ist allerdings, dass diese Arbeitsbeziehung keine einseitige Beziehung ist und bleibt. In meinem Haus übernehmen wir Blutentnahmen, Anlegen von i.v. Zugängen und Magensonden, teilweise Bedarfsmedikationen und stellen Hausmedikation selbst um, reagieren bei auffälligen Laborbefunden selbstständig und übernehmen einen großen Teil des Entlassmanagements. Was gibt uns der ärztliche Dienst? Der hält sich fein raus und tituliert diese Tätigkeiten als “Routine” (=Niedere Tätigkeiten) die, weil wir nicht studiert haben eh unser Aufgabengebiet wären. Man würde nun denken, dass die Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes nun den Kopf frei hätten für wesentliche Belange (Therapie, Arztbriefe etc.) und dass nun besser klappen würde. Im Gegenteil. Unabhängig davon, wieviel Krankenpflege übernimmt, und ich habe es mehr als häufig gesehen, klappt davon nichts besser. (Ausnahmen, nämlich die mit hoher Organisationsfähigkeit sind hier natürlich ausgenommen! )
Wir bestimmen von unseren Arbeitsabläufen nichts, wir lassen uns diktieren wie die Abläufe sind, wir akzeptieren gesagtes und deligiertes und Fressen neue Kompetenzen direkt auf die die Raupen, um unseren eigenen Stand ein Stück aufzuwerten. Aber die eigentliche Aufgabe, die PFLEGE…bleibt dabei auf der Strecke.
2. Wir haben viele Kompetenzen und viele Verantwortungsbereiche
Prinzipiell habe ich seit mehreren Jahren das Gefühl, dass Pflege prinzipiell für alles zuständig ist und alles organisieren muss (mein Kollege beschreibt dass immer als Fluglotse der klinischen Behandlung), jedoch die Ausführung vor Ort uns von anderen Berufsgruppen aus der Hand genommen wird.
Mobilisation und Atemtherapie als Beispiele. Beide Tätigkeitsfelder obliegen eigentlich der Pflege, beide Tätigkeitsfelder sind anspruchsvoll und müssen jede Minute individuell a(ngepasst werden. Weil unsere personelle Besetzung in den letzten Jahren um bestimmt 75% gekürzt wurde (DRG – Pleitegeier- System) und die Physiotherapie auch eine Zeile auf der Abrechnung bekommt, schreiben wir für diese beiden wichtigen Tätigkeitsfelder mittlerweile nur noch Aufträge. Wir schreiben Aufträge für eine Tätigkeit (Atemtherapie oder Mobilisation) die wir selbst erlernt haben, die wir selbst auch durchführen können und lassen die Physiotherapeuten es tun. Ich habe nichts gegen Physiotherapeuten, es gibt Bereiche wo deren Expertise gefragt ist. Jedoch sollte man sich die Frage stellen, warum ein Pflegenotstand herrscht wenn man sich die Butter vom Brot klauen lässt und entsprechende Planstellen einfach im Gulli versenkt?!
Wenn es um die Verwaltung der Akten geht, stellen wir Arzthelferinnen und Medizinische Fachangestellte ein, die nicht annährend das Gehalt eines Krankenpflegers erhalten und dafür da sind, Akten abzuheften und das Telefon zu beantworten. (Benötigt man dafür ein 3-jährige Ausbildung?) Würde man adäquate Stellenpläne vorhalten und umsetzen, so wäre die Aktenverwaltung und diese Bürotätigkeiten weiterhin in der Hand von examinierten Pflegekräften, die von der medizinischen und pflegerischen Sachlage eine Ahnung haben.
Selbst die Grundpflege wie Waschen, Ankleiden, beim Essen helfen die von unseren tollen Medien nach wie vor als niedere Tätigkeit bezeichnet werden ist eigentlich nicht mehr die Aufgabe einer 3-jährigen examinierten Pflegekraft. Die Tendenz geht zum US-amerikanischem System. Für die “pflegerischen Basistätigkeiten” (die im übrigen dass sind, was die Arbeit wirklich ausmacht!) werden Hilfskräfte, Krankenpflegehelfer, Gesundheits- und Krankenpflegeassistenten und teilweise Servicekräfte ohne irgendeine Ausbildung eingesetzt. Diese machen ihre Arbeit gut! Ich habe mit ein paar wirklich sehr guten Krankenpflegehelfern zusammen gearbeitet und weiß deren Arbeit und Erfahrung wirklich zu schätzen. Aber selbst hier lassen sich die Pflege-Lobbyisten die Wurst vom Brot klauen und deligieren diese Tätigkeiten an 1 jährige Examinierte oder gar keine Examinierte. Was dann noch als Tätigkeitsfeld übrig bleibt, ist ein situationsbezogenes, diffuses Feld zwischen Krankenpflegehelfer und Arzt wo keiner eigentlich so genau weiß warum wir eigentlich da sind. Ach ja, wir sind zum Aufpassen, Planen und Deligieren der Pflege für unsere “Hilfskräfte” da. Nun hat man aber viel zu viele Fachkräfte vor Ort, also werden diese Fachkräfte reduziert und mehr Helfer eingestellt, was dazu führt dass die volle Qualität und das sind für mich 3 jährig ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger nunmal sind nicht dort steht, wo sie am meisten gebraucht wird: Am Patientenbett
Es kommt dann noch auf den allermeisten Stationen dazu, dass praktisch zwischen den Hilfskräften und den 3 jährig examinierten vom Tätigkeitsfeld her kein großer Unterschied besteht. Alle machen alles, die Fachkraft will nicht von oben herab bestimmen, die Hilfskraft macht es seit 20 Jahren also pfuscht man sich nicht gegenseitig ins Handwerk und lässt die eigentliche berufliche Qualität den Abfluss runter fließen.
Ich halte den Einsatz von ungelernten Hilfskräften oder KPH’s die im Endeffekt sowieso alles machen und düfren, für eine persönliche Beleidigung gegenüber jeden Gesundheits- und Krankenpfleger, der 3 Jahre seines Lebens für eine wirklich harte und anspruchsvolle Ausbildung eingesetzt hat. Jeder Depp, der 6 Wochen lang auf einer Schulbank gesessen hat kriegt in der Praxis einen Freibrief, alles zu machen und dafür , die Qualität den Bach runter gehen zu lassen.
Die Tätigkeiten, die wir dann vom ärztlichen Dienst übernehmen sind in aller Regel nicht die Tätigkeiten die wirklich Anspruch und Gehirnschmalz benötigen. In den allermeisten Fällen sind die Tätigkeiten, die von den Ärzten übernommen werden diejenigen die dem Arzt lästig und unbequem sind. Wir als Müllschlucker des Gesundheitswesens nehmen dass ganze auf der verzweifelten Suche nach Integrität und Tätigkeitsprofilen einfach auf. Und dass nur aus Angst, dass unsere Stellen aufgrund von nicht vorhandendener Notwendigkeit auch bald gestrichen werden.
3. Pflegerische Sozialarbeit
Eine wichtige Tätigkeit der Pflege ist es Versorgungslücken zu erkennen und durch Beratung und Vermittlung zu schließen. Praktisch bedeutet das, mit Hilfe des Sozialdienstes (der uns eigentlich auch eine wichtige Tätigkeit wegnimmt, die Pflegefachkräfte durchführen könnten!) Hilfsmittel, Pflegedienste, Heimplätze und andere Möglichkeiten zur Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation zu finden und zu organisieren. Nach einer längeren Tätigkeit in diesem Bereich kotzt es mich einfach nur an. Als Pflegender ist man im permanentem Gefüge von wütenden Angehörigen, die eigentlich nicht Wissen möchten wie man die Pflege der Oma/Opa organisiert und manche Fragen direkt nach dem Pflegegeld was man erhalten könnte .(ein guter Anästhesist, mit dem ich einmal zusammenarbeiten durfte, nannte mal den Begriff “Erbschleichersprechstunde”…nur am Rande) Und dann nach endlosen Diskussionen doch alles Zuhause organisieren wobei der Pflegedienst soll dann am Wochenende dann wohl doch kommen, aber nur zum Tabletten stellen. Man entlässt den Patienten in die Obhut der Angehörigen, mit einem nicht unbedingt gutem Gefühl bei der Sache, obwohl man sich mehrere Tage mit unentschlossenen Angehörigen den Mund fusselig geredet hat hat um die Message rüberzubringen: Das kann nicht klappen!
Nach 3 Monaten, man hat das Gesicht fast vergessen kommt mitten in der Nacht ein Patient, dessen Gesicht man schon einmal gesehen hat in die Ambulanz. Angehörige haben schon die Taschen gepackt, hat Blut im Urin und unklares Fieber. Man misst die Temperatur, und kurioserweise (!) hat der Patient aktuell keine Temperatur. Dann macht man einen Urinschnelltest, und kurioserweise kann man auch kein Blut nachweisen. Man überbringt den nicht unbedingt besorgten, sondern eher erleichtert wirkenden Angehörigen die Nachricht , und eigentlich erwartet man eine Reaktion nach dem Schema “Gott sei Dank!”. Aber anstelle dieser eigentlichen Reaktion tritt meist aber eine Diskussion mit dem Ziel, dass Oma/Opa nun DOCH im Krankenhaus bleiben, weil es Zuhause nicht mehr geht. Das Motiv und die Maßnahme, einen pflegebedürftigen Angehörigen im Krankenhaus unterzubringen, weil man einfach nicht mehr kann oder einfach mal Zeit für sich haben möchte…ich habe dafür Verständnis. Man sollte auch manchmal mit den Kriterien für eine stationäre Aufnahme nicht zu streng sein, um einfach die Überbleibsel des Gesundheitssystems aufzufangen. Das Problem, was ich gesehen habe ist, dass es keine Regelung mehr ist die eine Ausnahme bleibt oder zumindest eine Maßnahme wo man sagt “Das machen wir manchmal” , sondern eine Regelmäßigkeit. Diese Ausnahmeregelungen werden teilweise ausgereitzt und ausgenutzt, nur weil sich Angehörige und Patienten selbst aus der eigenen Verantwortung herausstehlen wollen, in dem sie sich auf das Gelände eines Krankenhauses begeben.
Dann gibt es eine mittlerweile immer größer werdende Gruppe von älteren Menschen, die haben Angehörige und Bekannte. Jedoch ist über die Jahre der Kontakt abgebrochen, man hat sich Zerstritten, man hat kein gutes Verhältnis, oder man weiß die Telefonnummern nicht. Man telefoniert dann doch mal um jemand Bescheid zu sagen, dann kommt meist ein “Ja, ich komme nächste Woche mal vorbei”. Und eine Lösung bei der Versorgung von Hilfsbedürftigen älteren Menschen ohne Einbeziehung von Angehörigen oder Bekannten ist immer eine schlecht, improvisierte und nicht unbedingt individuelle Lösung. Das Problem ist, es interessiert einfach keinen. Und nach dem zehnten und elften Fall in Folge, ist es einfach nur unbefriedigend, frustran und um ehrlich zu sein: Es macht keinen Spaß mehr.
4. Personalpolitik
Wenn ich beruflichen Aussenseitern (also Leute, die nicht in dem Beruf arbeiten) erzähle, dass ich im Frühdienst teilweise für 18-24 Patienten alleinverantwortlich mit eventuell einer Hilfskraft oder einem Auszubildenden arbeiten muss, so sagen die mir häufig: DAS geht doch nicht. Ich sage euch es geht. Gehen tut alles. Und wenn 1 Pflegekraft auf 50 Patienten kommen würde, es würde auch gehen. Was nur am Ende wirklich übrigbleibt und wo die Schere der Qualitätskürzung wieder geschnitten hat, dafür will am Ende keiner die Verantwortung übernehmen.
Gibt man das Problem an höhere Leitungsebenen weiter, wird der Ball immer weiter hochgespielt, bis zu einem Punkt wo die Geschäftsführung abpfeift und sagt: Ätsch, kein Geld – Kein Personal. Wenn man im persönlichem Gespräch mit der Pflegedienstleitung mal die Zustände auf Station beschreibt, die fast einer Szene aus dem Lazarett der TV-Serie Band of Brothers gleichen wird einem meistens in einem schrägen und perfidem Unterton direkt “fehlende Organisations- und Priorisierungsfähigkeit” oder “fehlende Belastbarkeit” unterstellt. Manchmal wird man auch mit einer Fortbildung zur Burnout – Prophylaxe abgetätschelt.
Meistens sind diese Leitungsebenen aber gar nicht mehr zu sprechen. Die Tage, wo diese auf Station erscheinen sind sehr rar geworden und die Zeitpunkte für Gespräche meistens “sehr ungünstig”. Fühlt man sich da als Mitarbeiter, der jeden Tag 7,5 Stunden am Limit läuft überhaupt wahr- oder ernst genommen?
Denn eigentlich, sind die Stations- und Bereichsleitungen zuständig für die direkten Belange der Mitarbeiter vor Ort. Wenn diese nicht voll im Team mitarbeiten, um noch irgendwie den Arbeitsaufwand zu packen zucken die meist auch nur mit der Schulter oder Verlängern ihre AU mit der Diagnose “Burnout”.
Wo kann man sich dann noch auslassen? Bei den eigenen Kollegen; Bis man wieder von der Stationsleitung darauf hingewiesen wird, keine schlechte Stimmung zu verbreiten.
Zur Visualisierung der Lage, habe ich einmal Dienstplankopien aus den Jahren 2003 – 2011 mit Excel zusammengefasst, was für mich sehr interessant war.
Wie soll es weitergehen? Eins ist sicher, auf Station mit mir…nicht!

